Presse/Telemedizin/2004

telekom praxis, Ausgabe 9-10/2004, Seite 14-15
Schlaganfallversorgung via Videoconferencing: Das TEMPiS-Projekt

Utopie oder baldige Wirklichkeit: Die Einbindung von Videoconferencing in eine integrierte Schlaganfallversorgung rettet bereits heute in Süd-Ost-Bayern vielen Menschen das Leben und hilft ihnen, möglichst viel ihrer Lebensqualität nachhaltig zu bewahren. TEMPiS ist ein beispielhaftes Konzept, das Schule machen könnte.

In Süd-Ost-Bayern läuft seit Januar 2003 erfolgreich das TEMPiS-Pilotprojekt zur integrierten Schlaganfallversorgung, bei dem zur Ferndiagnose von Schlaganfällen ein Schlaganfallzentrum in München-Harlaching und eins in Regensburg mit zwölf regionalen Krankenhäusern vernetzt sind. Die MEYTEC GmbH realisierte zusammen mit Unternehmen aus dem Telekommunikationsbereich wie zum Beispiel der VCON GmbH die telemedizinische Vernetzung durch High-Speed-Datenübertragung und Videoconferencing.

Beim Schlaganfall zählt die Sekunde
Noch vor wenigen Jahren konnten Schlaganfallpatienten häufig nicht zufrieden stellend behandelt werden, wenn sie in ein regionales Krankenhaus eingeliefert wurden, welches keine Spezialabteilung zur Behandlung von Schlaganfällen besaß. Die Folgen waren zum Teil irreversible Schädigungen in Form von körperlichen und geistigen Behinderungen des Patienten, da der Schlaganfall oftmals nicht schnell genug behandelt werden konnte. Gerade in den letzten Jahren hat sich in der Schlaganfall-Therapie jedoch einiges getan, gerade auch im Hinblick auf die technische Vernetzung regionaler Krankenhäuser mit spezialisierten Schlaganfall-Zentren. In der Realität bedeutet dies, dass Diagnosen sich auch in regionalen Krankenhäusern zeitnah stellen lassen und der Schlaganfall schnell behandelt werden kann. Ein entsprechendes Großprojekt ist beispielsweise das telemedizinische Pilotprojekt zur integrierten Schlaganfallversorgung in der Region Süd-Ost-Bayern (TEMPiS), welches vom Bayerischen Sozialministerium, den Krankenkassen, der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe und verschiedenen Krankenhäusern gemeinsam ins Leben gerufen wurde und auch finanziert wird. Innerhalb dieses Projektes sind zwölf regionale Krankenhäuser mit Schlaganfallzentren des Krankenhauses München-Harlaching und der Uniklinik Regensburg telemedizinisch per High-Speed-Datenübertragung und Videoconferencing vernetzt. Die behandelnden Ärzte in den regionalen Krankenhäusern können auf diese Weise ihre Patienten von Schlaganfall-Experten per Videokonferenz untersuchen lassen, jederzeit größere Datenmengen mit den Krankheitsbildern übertragen und so zusammen mit den Spezialisten die Behandlungskonzepte auf jeden Patienten individuell abstimmen. Wird etwa ein Schlaganfall-Patient in eines dieser 12 regionalen Krankenhäuser eingeliefert, können die Ergebnisse der gewöhnlich als erstes vorzunehmenden Computertomograpie (CT) des Gehirns in Form von digitalen Bildern in Sekundenschnelle an eines der Schlaganfall-Zentren übermittelt und dort analysiert werden. Ebenso wichtig und für die Diagnose und das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ausschlaggebend ist die Integration von Videokonferenzen in die Behandlung. Durch den Einsatz von Videokonferenzsystemen, die von dem Systemintegrator MEYTEC implementiert wurden, können die Spezialisten aus den Schlaganfall-Zentren ihre Kollegen quasi vor Ort beraten und den Patienten einen virtuellen Besuch abstatten. Wichtig ist, dass die Patienten auch nach dem Telekonsil auf spezialisierten Schlaganfallstationen von spezifisch trainierten Mitarbeitern weiterbehandelt werden.

Videoconferencing: Patientengespräch von Angesicht zu Angesicht
Im Rahmen des TEMPiS-Projektes implementierte die in Berlin und Brandenburg ansässige MEYTEC GmbH in allen beteiligten Krankenhäusern die notwendige Bildübertragungssoftware, Netzwerkkomponenten, Arbeitsplatzrechner und vor allem die mit hochwertigen, fernsteuerbaren Videokameras und drahtlosen Mikrofonen ausgestatteten Videokonferenzsysteme für die Ärzte. Per Videokonferenz können die an dem Projekt beteiligten Spezialisten in den Schlaganfall-Zentren auf Knopfdruck mit den Ärzten in den Krankenhäusern und den Patienten zusammentreffen und sie von der Ferne aus untersuchen. Die Kontaktaufnahme über Videokonferenz bietet gegenüber einem Telefonat den Vorteil, dass der Betroffene sich nicht als anonymer Patient fühlt, der seinen Arzt nicht zu Gesicht bekommt und nur von Maschinen untersucht wird. Vielmehr gestattet eine Videokonferenz, dass sich Arzt und Patient von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen, wodurch sich der Patient wesentlich besser aufgehoben und natürlich auch eher angesprochen fühlt, weil er seinen Arzt sehen kann. Dies sorgt auch dafür, dass der Patient Vertrauen zu seinem Arzt aufbaut, was als eine der entscheidenden Komponenten dieses Projektes anzusehen ist: Eine durch den persönlichen Kontakt beruhigte Psyche eines Patienten wirkt vertrauensbildender als eine rein medizinische Behandlung ohne Augenkontakt. Technisch verfügt jedes der 12 Kooperationskrankenhäuser über einen Telemedizinarbeitsplatz und ist darüber mit einem der beiden Schlaganfallzentren vernetzt, die sich im Wochenrhythmus in der Zuständigkeit abwechseln. Während einer telemedizinischen Untersuchung über Videokonferenz sitzt der Spezialist aus dem Schlaganfall-Zentrum an seinem Schreibtisch und initiiert über ein an seinen Rechner angeschlossenes System die Videokonferenz. Der Patient befindet sich während der Untersuchung in seinem Krankenbett in dem jeweiligen regionalen Krankenhaus. Selbstverständlich wird das Krankenbett vor der Untersuchung in das entsprechende Behandlungszimmer geschoben, in dem sich der Arbeitsplatzrechner des behandelnden Arztes befindet. Die Videokonferenz lässt sich binnen weniger Sekunden aufbauen und während der Konferenz können Arzt und Patient sich permanent auf Ihrem jeweiligen Bildschirm sehen, der Ton läuft synchron zum Bild. Der Arzt kann zusätzlich auch die Patientendaten, wie die aktuellen CT-Ergebnisse, auf dem Bildschirm einsehen. Die Datenübertragung wird über einen Multiplexanschluss mit bis zu 30 parallelen ISDN-Kanälen durchgeführt, sodass bei hervorragender Videoqualität eine schnelle Datenübertragung auch simultan möglich ist. Während der telemedizinischen Untersuchung wird abhängig vom Befund auch die weitere Behandlung gemeinsam festgelegt, damit gegebenenfalls sehr kurzfristig die Behandlung verändert und angepasst werden kann. Nach jeder Videokonferenz erhalten die Kooperationskliniken auf elektronischem Wege einen Konsilbefund (schriftliche Dokumentation eines klinischen Eindrucks). Bei dem eingesetzten Videokonferenzsystem von VCON, handelt es sich um ein kompaktes, portables Videokonferenzsystem, welches sowohl für den Einsatz an Desktop-Systemen als auch für Notebooks geeignet ist. Der Arzt kann es also an verschiedenen Rechnern einsetzen. Innerhalb des TEMPiS-Projektes ist diese Kommunikation ausschließlich in einem geschlossenen Netzwerk möglich. Es besteht aus einer kleinen externen Basiseinheit sowie einer kugelförmigen Kamera. Mit Hilfe des zugehörigen Speakertowers kann die Kamera auf Augenhöhe gebracht werden. Dieser kleine Videoterminal wird neben dem PC positioniert und dann über ein Kabel an den USB Port des Laptops oder PC - sogar bei laufendem Betrieb - angeschlossen. Multimedia-Zubehör wie Soundkarte, Lautsprecher und Mikrofon werden vom System unterstützt, aber nicht benötigt: Zum VCON System gehört ein Head-Set bzw. ein Standfuß mit integriertem Lautsprecher. Das System wurde speziell für IP-Netzwerke konzipert, arbeitet mit Geschwindigkeiten von bis zu 1,5 Mbps und liefert eine Videoqualität von bis zu 30 Bilder pro Sekunde (also fast TV-Qualität). Die zugehörige Software verfügt über umfassende Videoconferencing-Funktionen. So sorgen etwa die integrierte akustische Echokompensation und Datenraten von bis zu 1,5 MBit/s für qualitativ hochwertige Audioqualität im Besprechungszimmer. Zu den wichtigsten Features gehören ein Konferenzstatus-Monitor, ein persönliches Adressbuch, mehrere Darstellungsoptionen (Vollbild-, Groß-, Klein- und Mini-Darstellung), ein individuell anpassbarer Shortcut-Tray, mehrere Spracheinstellungen sowie die Unterstützung des weltweit etablierten Videound Audiostandards H.323.
Das TEMPiS-Projekt wird sowohl von Ärzten als auch Patienten sehr gut angenommen und es zeichnen sich bereits deutliche Erfolge ab. So existiert weltweit kein vergleichbar eng vernetztes Projekt mit ähnlich hohem Nutzungsgrad; bisher konnten bereits über 3700 Telekonsile durchgeführt werden. 95% aller Patienten konnten mithilfe des TEMPiS-Projekts direkt in ihrer regionalen Klinik behandelt werden, nur 5% mussten gezielt in ein Schlaganfall-Zentrum verlegt werden. Die bisherigen Ergebnisse lassen darauf hoffen, dass das TEMPiS-Projekt bald fest installiert auch in weiteren Regionen Deutschlands eingeführt wird. (rs)

telekom praxis, Ausgabe 9-10/2004, Seite 16
Dr. Audebert zu TEMPiS

Von Annette Bolte
Der Oberarzt Dr. Heinrich Audebert der neurologischen Abteilung im Krankenhaus München-Harlaching ist Koordinator des TEMPiS-Projektes. Im Interview teilt er seine Erfahrungen mit den Lesern der telekom praxis.

telekom praxis: Die Patienten stehen nach einem Schlaganfall in einer Schocksituation und sind desorientiert. Wie nehmen Sie die moderne Videokonferenztechnik als Kommunikationsmedium mit einem Arzt an, der möglicherweise weit über hundert Kilometer von Ihnen entfernt ist?

Dr. Audebert: Insgesamt ist die Akzeptanz bei den Patienten sehr hoch. Wir haben diese natürlich auch untersucht und im Rahmen einer breit angelegten Befragung festgestellt, dass die Patienten sich bei den telemedizinischen Untersuchungen wohl fühlen und sie sogar als Bereicherung empfinden. So wurde auf die Frage "Wie empfinden Sie die Videokonferenzuntersuchungen" die Durchschnittsnote 1,3 vergeben. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass die Patienten die Videokonferenzen auch deshalb so gut akzeptieren, weil sie dadurch nicht mehr das Gefühl haben, in einem regionalen Krankenhaus ohne Spezialabteilung behandelt zu werden, sondern vielmehr feststellen, mit Hightech-Medizin versorgt zu werden und voll vom medizinischen Fortschritt zu profitieren. Die heimatnahe Versorgung wirkt sich psychologisch sicher auch positiv auf den Heilerfolg aus.

telekom praxis: Medizinische Betreuung wird in Deutschland zunehmend mehr unter dem Gesichtspunkt der (betrieblichen) Wirtschaftlichkeit gesehen. Wie gelang es, in dieser Situation ein Projekt dieser Art durchzusetzen, was zunächst einmal hohe Investitionen erforderte?

Dr. Audebert: Kurzfristig betrachtet musste natürlich in gewisse Infrastrukturen investiert werden, die sich jetzt aber bereits auszahlen. Beispielsweise erreichen wir durch die kürzere Verweildauer im Krankenhaus eine deutliche Kostenersparnis. Aber auch die Tatsache, dass 95% der Patienten in dem regionalen Krankenhaus mit hoher Qualität behandelt werden können, verhindert natürlich schlimme Folgeerkankungen und damit auch gravierende Folgekosten. In die Projektentwicklung haben viele Faktoren mit hinein gespielt. Glücklicherweise gab es für dieses Projekt aber mehrere Interessengruppen. Sowohl das Sozialministerium und die Krankenkassen als auch die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe und die beteiligten Kliniken wollten dieses Projekt voranbringen. Es war allen klar, dass die Schlaganfallversorgung in regionalen Krankenhäusern verbessert werden muss. Die einzig sinnvolle Alternative zum TEMPiS-Projekt hätte darin bestanden, in allen beteiligten Krankenhäusern eine komplette Schlaganfallspezialabteilung einzurichten, und in Gerätschaften wie Kernspintomografen zu investieren. Diese Alternativen wären deutlich teurer ausgefallen als das TEMPiS-Projekt

telekom praxis: Wie sieht die persönliche Situation der durch TEMPiS per Ferndiagnose behandelten Patienten heute aus? Welche Erwartungen hätten diese Menschen, gäbe es TEMPiS nicht?

Dr. Audebert: Bislang kann diese Frage noch nicht umfassend beantwortet werden. Wir führen derzeit eine großangelegte Langzeitstudie unter unseren Patienten durch, die bis jetzt zu ungefähr zwei Dritteln abgeschlossen ist. Die ersten Ergebnisse werden ungefähr im September des nächsten Jahres vorliegen. Bereits jetzt ist jedoch klar erkennbar, dass die Erhebung der Kernparameter zu einem sehr positiven Ausblick Anlass gibt. Es konnte im Zuge des TEMPiS-Projektes die Schlaganfall-Behandlung erheblich verbessert werden. Die Mortalitätsrate ist gesunken, Computertomografien können wesentlich schneller durchgeführt werden und die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus konnte um 1,7 Tage gesenkt werden. Dies impliziert natürlich eine erhebliche Kostenersparnis bei den direkten Behandlungskosten.

telekom praxis: Eine bundesweite Vernetzung von Krankenhäusern unter Einbeziehung der verfügbaren Schlaganfallabteilungen könnte das System noch leistungsfähiger und vor allem noch kosteneffizienter machen. Wann ist mit einer bundesweiten Umsetzung zu rechnen und welche Hürden sind zu nehmen?

Dr. Audebert: Es handelt sich bei TEMPiS um ein erfolgsorientiertes Pilotprojekt, das heißt, wir haben uns dafür bestimmte Ziele gesetzt. Von der Erfüllung dieser Ziele wird es abhängen, ob dieses Pilotprojekt auch überregional umgesetzt wird. Unsere Zielsetzung und auch die der Investoren war, dass das Projekt erfolgreich UND effizient verlaufen muss. Wenn dies der Fall ist, wird es sicherlich zu einer Ausdehnung kommen. Wichtig ist hierbei außerdem, dass man die Überregionalität bei einem solchen Vorhaben nicht überreizen sollte. Das heißt, trotz der hervorragenden Möglichkeiten, die Videokonferenzen bieten, sollte ein Schlaganfallzentrum nicht allzu weit vom regionalen Krankenhaus entfernt sein. Wenn es nämlich erforderlich ist, dass ein Patient doch in ein Schlaganfallzentrum verlegt werden muss, was zwar nur in fünf Prozent unserer Fälle nötig ist, sollte er nicht mehrere Hundert Kilometer transportiert werden müssen, ein Transport von Flensburg nach München wäre zum Beispiel nicht angebracht.

telekom praxis: Danke für das Gespräch

 

Dr. med. Heinrich Audebert
Dr. med. Heinrich Audebert ist Oberarzt und seit Februar 2003 TEMPiS-Projektkoordinator im Städtischen Krankenhaus München-Harlaching, dem Akademischen Krankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität.

Annette Bolte
Annette Bolte ist freie IT-Fachjournalistin und PR-Beraterin in München. Die studierte Diplom-Sozialwirtin arbeitete einige Zeit als freie Redakteurin für einige Münchner Fachzeitschriften, bevor Sie als PR-Beraterin zu der Münchner Agentur SCHWARTZ Public Relations wechselte.

 

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