Presse/Telekommunikation / 2007
Märkische Oderzeitung vom 02./03. Juni 2007
Videokamera rettet Leben
Von Heinz Kannenberg
Brandenburg ist mittelständisch geprägt. Darunter gibt es viele Firmen, die mit ihren Leistungen erfolgreich am Markt agieren. Einige stellt die MOZ in einer Serie vor. Heute: MEYTEC GmbH Informationssysteme, Werneuchen OT Seefeld (Barnim).
Werneuchen (MOZ) Gerhard Meyer hat mit 64 Jahren einen Traum als Unternehmer. Statt einer Weltreise, wie sie andere nach nach einem erfüllten Berufsleben planen, möchte er noch ein kleines Gerät entwickeln und im Älterwerden selbst nutzen. Dieses telemedizinische Gerät sollte im Notfall den Kontakt in eine Klinik ermöglichen. Es müsste den Standort des Patienten bestimmen, ein in die Haut implatierter Chip misst medizinische Daten. Und bevor der Notfall-patient ins Krankenhaus kommt, liegen diese Daten und andere aus seiner Gesundheitsakte vom Hausarzt dann schon vor. Dieser Zeitgewinn kann, weiß Meyer, Leben retten. Wohl wissend, dass so eine Entwicklung auch datenrechtliche Risiken in sich birgt - Gesundheit ist für ihn aber wichtiger.
Gerhard Meyer nähert sich diesem Traum durch Projekte in der Wirklichkeit.
Der Ingenieur für Nachrichtentechnik startete 1991 in Berlin mit einem Ein-Mann-Unternehmen für Telekommunikation. Sechs Jahre später wurde eine GmbH gegründet und es kamen die Geschäftsfelder Informations-, Video- und Sicherheitstechnik hinzu. 2002 betrat er mit der Telemedizin Neuland. 14 Mitarbeiter beschäftigt MEYTEC (Mey=Meyer, Tec=Technologie) heute. Der Anteil der Telemedizin am Jahresumsatz von 2,8 Millionen Euro betrug 2006 rund 1,0 Millionen Euro. "Das schaffen nicht mal viele etablierte Telemedizin-Firmen", ist Meyer auf dieses Ergebnis stolz.
Den Durchbruch schaffte MEYTEC mit dem Projekt "TEMPiS" in Bayern. In diesem Projekt vernetzte das Unternehmen zwei hochspezialisierte Schlaganfall-kliniken in München und Regensburg mit vierzehn Krankenhäusern im Südosten Bayerns. Mit Hilfe einer medizinischen Videokommunikation erfolgt, erklärt Meyer das Prinzip, die klinische Untersuchung von Patienten in den regionalen Krankenhäusern, die mit Schlaganfall-Verdacht eingeliefert werden. Ein Spezialist aus dem medizinischen Zentrum unterstützt einen lokalen Arzt, der meistens kein Neurologe ist. Dabei muss der Patient nach der Aufforderung des Spezialisten Bewegungs- und Sprechübungen durchführen, durch die die körperliche Motorik bewertet wird. Ist sie gestört, kann ein Schlaganfall vorliegen. Jetzt zählt jede Minute für eine erfolgreiche Behandlung.
Kleine Kliniken, die über diese Telemedizin-Technik verfügen, können dann schnell den Patienten durch eine Lyse behandeln, beschreibt Meyer den entscheidenden Vorteil der Vernetzung mit einem Schlaganfall-Zentrum, wenn gleichzeitig eine Gegenidikation ausgeschlossen wird. Die ganze medizinische Untersuchung ist sehr komplex und muss deshalb auch immer wieder geschult werden. Im Allgemeinen stirbt bei einem Schlaganfall etwa ein Drittel der Patienten und ein weiteres Drittel hat bleibende gesundheitliche Schäden, weil der Notfall nicht frühzeitig erkannt wird, sagt Meyer. Doch eine im Rahmen des Telemedizinprojektes "TEMPiS" durchgeführte medizinische Studie hat ein klares Ergebnis gebracht: Die Todes- und Behindertenrate bei Schlaganfall-patienten ging in den "TEMPiS"-Krankenhäusern in den vergangenen vier Jahren signifikant zurück. Und die Befürchtung, dass die regionalen Kliniken Patienten verlören, trat auch nicht ein. Nur fünf Prozent der Patienten mussten von den kleinen Krankenhäusern in eine Stroke Unit oder eine Neurochirurgie verlegt werden.
Der bayerische Krankenhausplanungsausschuss beschloss Ende 2005 aufgrund der positiven Ergebnisse, "TEMPiS" von einem geförderten Projekt in die Regelversorgung ohne Förderung zu überführen, Die Bayrische Staatsregierung vertritt die Position, statt der Errichtung weiterer Schlaganfall-Zentren dieses Pilot-Modell flächendeckend in Bayern auszubauen. Meyer freuts, hofft er doch auf weitere Aufträge. Stolz verweist er auch auf den Zuschlag durch die HELIOS Kliniken GmbH, den seine Firma 2006 erhielt. Drei Zentren und zehn Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Sachsen konnte MEYTEC mit Telemedizin-Technik ausstatten. Mit dem HELIOS Klinikum in Aue(Sachsen) hat Meyer sogar eine Forschungs- und Entwicklungsvereinbarung abgeschlossen. Wie sieht es aber in Brandenburg aus?
Ja, es tut sich was: MEYTEC vernetzt zurzeit im Auftrag der GLG Gesellschaft für Leben und Gesundheit mbH das Klinikum Barnim, Werner-Forßmann-Krankenhaus in Eberswalde telemedizinisch mit den Krankenhäusern Prenzlau und Angermünde. Die Besonderheit: Es ist eines der ersten interdisziplinären Telemedizin-projekte in Deutschland, das radiologische, neurochirurgische, onkologische, neurologische und kardiologische Kompetenz standortübergreifend zum Wohle der Patienten zusammenführt. Zu den erfolgreichen Schritten im Nord-Osten Brandenburgs hat nach Auffassung von Meyer vor allen Dingen der Mut der Geschäftsführung und das konkrete Interesse von Fachärzten in diesen Krankenhäuser beigetragen. Meyer sieht in Brandenburg gegenüber Bayern, Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern aber weiterhin einen großen Nachholebedarf in der Anwendung der Telemedizin. Er schlägt vor, dass in strukturschwachen Landkreisen Telemedizin-Modellregionen aufgebaut werden. Dort könnte beispielsweise die in Bayern erfolgreich erprobte "TEMPiS"-Lösung realisiert werden. Auch eine umfassende Patientenbetreuung nach dem Prinzip der Telegesundheitsschwester "AGnES" würde Brandenburg gut stehen. Und drittens regt Meyer eine Modellregion für eine "telemedizinische Begleitung des Älterwerdens zu Hause" an. "Ich bin bereit, mit konkreten Lösungsvorschlägen daran mitzuwirken", plädiert er für die stärkere Nutzung der Potenziale der Telemedizin in Brandenburg. Sein Motto: "Ergebnisorientiert beraten, zeitnah umsetzen". Seine Frage an die Landespolitik: "Wann nimmt sich die Politik in Brandenburg dieses Themas praktisch an?".
Mal ehrlich, Herr Meyer...
Mal ehrlich, Herr Meyer: Wie viel Stunden am Tag arbeiten Sie?
Zehn bis zwölf Stunden kommen durchschnittlich schon zusammen. Einzig Samstags und Sonntags versuche ich etwas abzuschalten - was auch nicht immer klappt.
Wie viele Formulare müssen Sie, weil es die Bürokratie verlangt, ausfüllen?
Ich habe sie noch nicht gezählt, aber die Bürokratie nervt. Für wen, für was - fragt man sich angesichts der vielen statistischen Erhebungen.
Was können junge Mitarbeiter heute besser als Sie in der Lehre?
Sie haben heute viel mehr Möglichkeiten, weil die technologische Entwicklung rasant vorangeschritten ist. Doch vielen fehlt die Motivation und am Ende die Qualifikation.
Was würden Sie mit 100 000 Euro Fördergeld machen?
Ich würde das Geld in die eigene Forschung in den Bereich Telemedizin stecken. Als kleines mittelständisches Unternehmen haben wir nämlich sogar einen Forschungsbereich.
Woran forscht MEYTEC zurzeit?
Gemeinsam mit der Charité Universitätsmedizin Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Berliner Feuerwehr entwickeln wir ein System, mit dem künftig durch Echtzeitübertragung von medizinischen Daten aus Rettungsfahrzeugen noch schneller wichtige medizinische Informationen von Notfall-Patienten an die Charité gelangen. Die medizinischen Videokommunikation zwischen einem Patienten in einem Rettungswagen und einem Spezialisten in einem Zentrum ist bisher weltweit wenig bekannt - Made in Berlin-Brandenburg...









